1938: Verhaftung von Kaplan Paul Anders

An einem grauen Novembertag des Jahres 1938 hielt „ein schwarzes Auto“, wie meine Großmutter Julie Kraus von ihrer Stube aus sehen konnte, vor der Treppe zur Kirche. Dem Pkw entstiegen zwei Herren in Ledermänteln, die sich hinauf zum Pfarrhaus begaben. Sie klingelten dort und verschwanden im Haus.

Nach einiger Zeit kamen sie wieder heraus mit Kaplan Anders in ihrer Mitte. Mit ihm auf dem Rücksitz fuhren die Herren wieder davon. Noch am gleichen Tag ging es wie ein Lauffeuer durchs Dorf: Der Kaplan/Expositus ist verhaftet worden.

Kaplan Paul Anders

Erst bei der nachfolgenden Gerichtsverhandlung kamen die Gründe zutage. Als Zeuge erschien dort Josef Preger (1900-1969), seinerzeit Polizeidiener. Er sagte vor Gericht aus, der Kaplan Anders habe in einer seiner Sonntagspredigten Negatives und Beleidigendes über den Führer geäußert, was dazu führte, dass Kaplan Paul Anders zu einer Gefängnis-/Zuchthausstrafe von einem Jahr verurteilt wurde.

Josef Preger

Der eigentlich berufslose SA-Mann, der 1942 das Haus des Judenlehrers übernahm, der als Polizeidiener Tag für Tag mit einer kleinen Glocke durchs Dorf schritt und die Anordnungen des Bürgermeisters bzw. des Gauleiters an verschiedenen Stellen verlas, galt für die Dorfbewohner als eine Art Amtsperson, mit der sich niemand anlegen wollte.

So schwiegen die Leute und waren froh, als ihnen der Bischof im Dezember desselben Jahres wieder einen Kaplan/Expositus schickte, Herrn Erhard Martin aus Erlenbach bei Marktheidenfeld.

Der nach einem Jahr aus der Haft entlassene Paul Anders wurde vom Bischof zum Pfarrer von Werneck bestellt.

Weder Pfarrer Anders noch sonst irgendjemand hat nach 1945 den ehemaligen Polizeidiener für seine Denunziation zur Rechenschaft gezogen.

Theilheim,den 9.November 2024
W.Baetz