Der Krieg war zu Ende, Soldaten kehrten heim, Hitler war tot oder, wie einige
behaupteten, irgendwo in Südamerika. Wir Kinder durchstreiften Feld und Wald, wo
immer etwas zu finden war von den Frontkämpfen im April: einen Stahlhelm,
Munitionshülsen, ja sogar ein ganzes Gewehr hatten wir schon versteckt unter dem
Hühnerstall.
Mein Bruder Albin, 10 Jahre alt und ich, noch 8 Jahre alt, durchstöberten an einem
sonnigen Sonntag Nachmittag den Steinbruch oben hinter dem Schwanfelder Wald.
Damals gehörte er unseren Nachbarn, den Maurermeistern Johann und Richard
Heuler. Inzwischen ging er an die Familie Rainer Kellert, die den Steinbruch
einebnen und bepflanzen ließ.
Irgendwann fanden wir zwischen den Felsblöcken eine Art eisernes Ei, das gerippt
war und oben einen metallenen Ring hatte. Wir betrachteten es genau und zogen auch
an dem Ring, aber nichts bewegte sich. Es musste wohl irgendwas aus dem Krieg
sein, also nahmen wir es mit, um es unserer Sammlung einzuverleiben.
Als wir dem Steinbruch entstiegen waren und auf den Feldweg Richtung Schwanfeld
gelangten, kam des Wegs ein junger blonder Mann mit einem Mädchen am Arm. Es
war der Ums Heiner oder der Ums Josef – heute nicht mehr zu klären -, dem wir
unseren Fund zeigten.
Sofort nahm er uns das Ding weg und fragte, ob wir an dem Ring gezogen hätten?
Als wir ihm sagten: Ja, wir haben`s versucht, aber das ist alles eingerostet, meinte er:
Da habt ihr wohl Schwein gehabt. Dann holte er sein Taschenmesser aus der
Hosentasche, kratzte den Rost rund um den Ring ab und gebot uns und seiner
Freundin, uns nicht von der Stelle zu bewegen. Er selbst ging Richtung Steinbruch,
zog an dem Ring und schleuderte das eiserne Ei zwischen die Felsbrocken. Sofort
hörte man einen lauten Knall, Steine splitterten und eine Staubwolke stieg aus dem
Steinbruch auf.
Der Wurf einer Handgranate für den gerade entlassenen Soldaten eine Kleinigkeit,
für uns Kinder aber ein ziemlicher Schreck.
Wir kapierten, dass nur ein großer Zufall – oder doch die von den Nazis so gerühmte
„Vorsehung“ – uns davor bewahrt hatte, von einer Handgranate zerrissen zu werden.
Zuhause haben wir davon nie auch nur ein Wörtchen erwähnt.
80 Jahre danach, an Pfingsten 2025
Willi Bätz