Von der Dorfschule aufs Gymnasium

schiefertael, griffel und schwamm

Von der Dorfschule aufs Gymnasium

Es war Krieg. Die Katastrophe von Stalingrad ließ noch ca. sechs Monate auf sich warten. Die Theilheimer Juden waren im Laufe des Jahres 1942 Zug um Zug abtransportiert worden. Wegen der Beschlüsse der Wannseekonferenz Anfang des Jahres, wie man heute weiß. Damals glaubte man noch allenthalben an den Endsieg, als ich im September 1942 eingeschult werden sollte.

Wegen meiner schwächlichen Konstitution und auch, weil mein Geburtstag des 7. September nur wenige Tage im Einschulungsjahrgang lag, brachte man mich zum Schularzt nach Schweinfurt. Dort von der Arztschwester nach meinem Geburtstag gefragt wußte ich die Antwort nicht, da bei uns, in einer sehr katholischen Familie, nur die Namenstage der Heiligen gefeiert wurden. Schließlich wurde ich zurückgestellt, so dass ich erst im September 1943 eingeschult wurde.

In der „Kleinen Schule“, heute Von-Erthal-Str. 38, saßen wir Erstklässler, gesehen vom hohen Pult der Lehrerin „Fräulein“ Bergmann aus – nur Verheiratete nannte man damals „Frau“ –, auf der linken Seite mit dem Portrait des ehemaligen Reichskanzlers Paul von Hindenburgs an der Wand. Dass dort nicht Hitler, sondern Hindenburg hing, war für die Schlauen im Dorf sicher schon ein Hinweis auf die politische Einstellung von Fräulein Lehrerin.

So begann jeder Schultag morgens um 8 Uhr nicht mit „Heil Hitler“, sondern mit „Guten Morgen“ und dem Ruf der Lehrerin „Anton, das Wetter“.

Es war der Schmieds Anton aus der 2. Klasse in der letzten Bank auf der anderen Seite, der das Fenster zum Schulhof öffnete, einen Blick auf das dort befestigte Themometer warf und verkündetet „Das Thermometer zeigt heute XY Grad plus oder minus“. Dann begann der Unterricht.

Links und rechts vom hohen Pult der Lehrerin – es führten zwei Stufen hinauf – stand eine Schultafel, deren zwei Teile per Kettenzug nach oben oder unten befördert werden konnten. Rechts an der Außenwand hing eine Tafel mit dem Alphabet in lateinischen Groß- und Kleinbuchstaben. Die Nazis hatten die früher übliche Süterlinschrift, die sie für eine Erfindung der Juden hielten, bei der Machtergreifung abgeschafft. Links neben dem Türeingang stand ein großer Holz- und Kohleofen und irgendwo hinter der Tafel war ein Waschbecken, wo man den Schwamm für die Tafel nass machen konnte.

Ein altes Klassenzimmer

Für unsere Schiefertafel tauchten wir den Schwamm jedoch normalerweise bereits auf dem Schulweg in den Wassertrog beim Dorfbrunnen, der sich in die „Weit“ ergoss, ein Bassin von vielleicht fünf mal zehn Meter, von dem das Wasser in Richtung „Grund“ ablief. Im Schulranzen fand sich anfangs nur eine Schiefertafel und einige Griffel (Schiefergriffel,Gesteinsstift). Später gesellte sich dazu ein Lesebuch und, wenn ich mich recht erinnere, ein dünnes Rechenbuch.

Schließlich begann die erste Unterrichtstunde damit, dass uns die Lehrerin aufforderte, den Griffel in die Hand neben der Wand mit dem Herrn Hindenburg zu nehmen und Kreise und Striche auf die Schiefertafel zu schreiben. Für Rechtshänder war dies sicher ein guter Start, aber niemand hatte mir damals gesagt, dass ich Linkshänder sei. Also folgte ich der Aufforderung und musste bald feststellem, dass die anderen, insbesondere die Erna Preger, verh. Göb, die oft an die Tafel gerufen wurde, viel schöner schrieben als ich. Ich wußte zwar, dass ich Bälle mit links warf, konnte mir aber nicht vorstellen, dass dies etwas mit Schreiben zu tun hätte.

Da die erste und zweite Klasse zusammen unterrichtet werden mußten – die dritte und vierte Klasse war erst nachmittags dran -, mußte die 2. Klasse sich selbst mit Schreiben oder Rechnen beschäftigen, während Frl. Bergmann uns jeweils einen Kreis vor der Tafel bilden ließ und uns mit Hilfe der Buchstaben an der Wandtafel und den demonstrativen Schreibbewegungen an der Tafel jeden Tag etwas weiter in das Alphabet einführte. Daran schlossen sich sehr viel später – etwa einmal pro Monat – Schönschreibübungen mit Federhalter und Tinte aus dem Tintenfaß in der Schulbank und mit Heften an, die ansonsten sorgfältig im Frontschrank des Lehrerpults aufbewahrt wurden.

Auf der Dorfstraße gab es praktisch keinerlei Autoverkehr – nur der Leuner hatte einen schwarzen Opel –, so dass Enten und Gänse die Straßen bevölkerten und nur von Küh-, Ochsen- oder Pferdefuhrwerken gestört wurden. Da Frl. Lehrerin am Schulhofhang einen kleinen Gemüsegarten betrieb, durfte ich manchmal mit Fischers Winfried oder Friedrichs Otto oder Rottenbergers Herbert, bewaffnet mit Eimer, Schaufel und Besen, Kuhfladen und Rossäpfel auf der Hauptstraße einsammeln, während die anderen rechnen und schreiben mußten. Hie und da gab es auch mal Fliegeralarm, wenn englische oder amerikanische Bomber von Frankfurt sich auf Schweinfurt zu bewegten. Wir wurden dann nach Hause geschickt, was meist das Ende des Schultags bedeutete. Dabei konnte man beobachten, wie Fuhrwerke auf dem Weg ins Feld im Hohlweg beim Faulhaber oder oben beim Sauer, in dem ein ganzes Fuhrwerk verschwinden konnte, Halt machten und warteten, bis die Bomber verschwunden waren.

Luftangriffe auf Schweinfurt am Tage gab es ab 1944 kaum noch. Da Schweinfurts Kugellagerindustrie kriegswichtig war, wurde die Stadt mit Eisenbahnflaks (Flak = Fliegerabwehrkanone), Einnebelungsvorrichtungen (Fässer am Straßenrand, die beim Einflug der Bomber geöffnet wurden) und Scheinwerfern rund um die Stadt, die einfliegende Bomber nachts anstrahlten, optimal verteidigt. Dies führte dazu, dass englische Bomber, wie ich viele Jahre später im WAR MUSEUM in London nachlesen konnte, im Sommer 1943 einen „Black Friday in Schweinfurt“ erlebten, bei dem sie bei einem Tagesangriff 12 Flugzeuge verloren. Schweinfurt griffen sie deshalb nur noch nachts an. So kam es zu dem verheerenden Angriff am Abend des 24. Februar 1944, bei dem die Ortschaften Hergolshausen, Bergrheinfeld, Grafenrheinfeld und Hirschfeld brannten, eine Bombennacht, die ich in einem eigenen Artikel beschrieben habe und sicher nie vergessen werde.

Das völlige Fehlen eines Autoverkehrs erlaubte uns außerdem im Winter beim Schlittenfahren am Weckschorschberg die Fahrten quer über die Hauptstraße und am Wipfelder Berg von oben am Sportplatz bis zum Dorfbrunnen bei der Bäckerei Hetterich zu rasen.

Bei der Schneeschmelze im Frühjahr war es für uns Kinder immer ein Fest, wenn das ganze Zentrum des Dorfes – auf der Hauptstraße bis zum Kindergarten, auf der Schloßstraße bis zur Luise Sauer, auf der Kirchgasse bis zum Hof meines Großvaters Josef Kraus, Richtung Sportplatz bis zu den Kestlern/ den „Jacken“ und nach hinten bis zu meinem Onkel Otto Bätz – unter Wasser stand, und der Urban Barth und andere mit Pferdefuhrwerken die Kinder aus der Schule oder dem Kindergarten abholten. Ein ähnliches Fest war bei der geringen Abwechslung im Dorf für uns Kinder der Zug der Dreschmaschine von Bauernhof zu Bauernhof im August und September, wobei die Kinder bei jedem Bauern mit einem „Maschinenbrot“ – ein Butterbrot mit Marmelade – rechnen konnten.

Dreschmaschine mit Dampfmaschine

Schließlich brachte das Nahen amerikanischer Truppen, die sog „Front“, das Leben im Dorf ab April 1945 zeitweise völlig zum Erliegen. Darüber habe ich an anderer Stelle ausführlich berichtet.

Im Laufe des Sommers tauchten dann die ersten Flüchtlinge auf, die von Stalin und der „roten Armee“ aus Ostpreußen, Schlesien, dem Sudetenland und Ungarn vertrieben worden waren. Uns, einer Familie mit vier Kindern in einem einstöckigen Bauernhaus wurde dabei die Familie Frömel aus Römerstadt im Sudetenland zugewiesen. Deshalb mußten wir drei Buben von acht, neun und elf Jahren zusammen in dem Zimmer neben der Treppe schlafen. Bei der Nachbarin Tante Berta zog der Zahnarzt Surek mit Frau und Sohn Peter aus Breslau ein, und bei der Großmutter wurde die Familie Kehl aus Ungarn einquartiert, die der Lidwina und dem Oskar dann ein, zwei Jahre in der Landwirtschaft half.

Im September normalisierte sich der Schulbetrieb wieder und wir zogen in die dritte Klasse ein. Gleichzeitig kamen die ersten deutschen Soldaten aus dem Krieg zurück und hauchten dem Dorf neues Leben ein. Man traf sich wieder in der Gastwirtschaft zum Bären beim Johann Barth oder dem Roten Ochsen beim Emil Neder. Auch der TSV Theilheim lebte wieder auf und man konnte sonntags die neue Fußballmanschaft mit Adolf Hartmann im Tor und u. a. den Toni Weißenberger, den Bretscher und den Kimmels Hermann in Verteidigung und Sturm bewundern.

Davon angespornt versuchten auch wir Schüler, Fußball zu spielen, auch wenn es uns dabei am Nötigsten fehlte. Fußballschuhe hatte niemand. Die damals üblichen Lederbälle hatten wir fast nie. Also spielten wir mit Gummibällen, mit Tennisbällen und auch mit Stoffbällen in den Höfen der Bauern – nur beim Österreicher spielten wir mit dem Medizinball von dem Doktor beim Huter -, auf den Straßen, den Wiesen und abgeernteten Feldern rund um das Dorf. Da aus meiner dritten Klasse niemand mitspielte, fand ich mich schnell, vermutlich von meinem Bruder Albin gesponsert, unter den Schülern der 4., 5. und 6. Klasse ( Josef Graf, Josef Müller, Bruno Zoller, Robert Stumpf, Herbert Stumpf, Willi Borst etc.) wieder. Dies sollte dazu führen, dass ich beim Übertritt aufs Gymnasium dort sofort als der beste Fußballer der Klasse galt.

Im 4. Schuljahr ging es im Früjahr 1947 um die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium. Winfried Fischer und Paul Schuler, der bei den Österreichern wohnte, absolvierten die Prüfungen erfolgreich in Schweinfurt. Ich mußte mich dazu nach Würzburg ans Alte Gymnasium begeben. Warum eigentlich?

Meine Mutter erklärte mir, dass von all den Theilheimer Schülern, die in den letzten zehn, zwanzig Jahren als „Fahrschüler“ das Gymnasium in Schweinfurt besuchten, es noch keiner jemals zum Abitur geschafft habe. Diese seien alle auf dem langen Schulweg irgendwann vergammelt. Deshalb komme nur das Gymnasium in Würzburg mit Unterkunft in einem Schülerheim infrage.

Meine Mutter scheint dabei nicht ganz falsch gelegen zu sein: Winfried Fischer und der Schuler waren ein Jahr später wieder an der Volksschule in Theilheim.

In Würzburg war ich vorher ein einziges Mal im Juli 1944, und zwar zur Firmung mit den anderen Erstkommunionkindern aus der damals 2. Klasse mit Georg Sauer, Winfried Friedrich, Hedwig Stumpf, Josef Graf etc.. Mein Firmpate, der Baywa-Lagerhausverwalter Aquilin Bätz, der sich offensichtlich in Würzburg gut auskannte, führte uns nach einer langen Zugfahrt vom Hauptbahnhof zu Fuß im Eiltempo in die Michaelskirche an der Ottostraße, vorbei an Häusern mit zum Teil schönem Fachwerk oder einem barockem Einschlag. Nach der Firmung durch Bischof Ehrenfried ging es im Laufschrit sofort wieder zurück zum Bahnhof. Niemand dachte daran, uns auch mal etwas zu zeigen, weder den Hofgarten, der nur 50 m von der Kirche entfernt war, noch den Dom oder die Alte Mainbrücke, die in 500 bis 1000 m Entfernung lagen. Am Hauptbahnhof gab es nur eine kleine Wurstbude, wo Onkel Aquilin mir und der Hedwig Stumpf eine Wiener mit Senf spendierte, bevor wir den Zug zurück nach Waigolshausen bestiegen. Es wäre die letzte Chance gewesen, die schöne Stadt zu sehen, bevor sie acht Monate später in Schutt und Asche gebombt wurde. – Auf der Rückfahrt hielt der Zug plötzlich vor Seligenstadt an, und alle Fahrgäste stürzten aus dem Zug und rannten in die umliegenden Mais- und Getreidefelder. Man hörte Flugzeuglärm, und der Zug wurde offensichtlich von Fliegern mit Bordwaffen beschossen. Nach einiger Zeit trauten wir uns wieder zurück in den Zug und landeten schließlich heil in Waigolshausen, von wo uns Pferdefuhrwerke nach Theilheim brachten.

Zur Aufnahmeprüfung ging es im Mai 1947 mit meinem Vater in das zerbombte Würzburg, wo ich mich schließlich irgendwo außerhalb des Glacis im Hof des Benediktinerklosters befand. Da das Alte Gymnasium von den Bomben am 16. März 1945 dem Erdboden gleich gemacht worden war, fanden die Aufnahmeprüfungen in den Baracken im Klosterhof und im Kloster selbst statt. In Deutsch diktierte man uns einen Text über riesige Bagger mit „zähnefletschenden Mäulern“ und ließ uns anschließend ein, zwei Dutzend Wörter von der Einzahl in die Mehrzahl setzen. Ich erinnere mich nur noch, dass mein Banknachbar „Hund“ in „Hünde“ setzte,aber, wie ich später feststellte, die Prüfung doch bestand. Im Rechnen galt es eine Textaufgabe zu lösen. Am Spätnachmittag erschien ein Herr, vermutlich ein Lehrer, im regennassen Hof des Klosters und las von einer Liste die Namen der Kinder, die bestanden hatten. Mein Vater nahm dies wortlos zur Kenntnis, führte mich zum Bahnhof zurück, wo wir den Rest unserer von zu Hause mitgebrachten Brotzeit vertilgten – zum Essen war in der zerbombten Stadt nirgendwo etwas zu sehen – und erreichten gegen Abend wieder Waigolshausen.

Nach bestandener Aufnahmeprüfung galt es, sich um die Unterkunft in einem Schülerheim zu kümmern. Nach Auskunft des Kaplans/Expositus Erhard Martin sollte ich einen schriftlichen Antrag auf Aufnahme in das bischöfliche Knabenseminar Kilianeum stellen, den er dann befürwortend weiterleiten würde.

Für jemanden, der eigentlich nur mit Griffel und Schiefertafel gearbeitet hatte, war dies ein Problem, das ich nur mit Hilfe meiner Großtante Adelheid Brehm, der Schwester meiner Großmutter und Onkel Ansgars lösen konnte, da sie die einzige in der Familie war, die sich mit Schriftlichem beschäftigte.

Nie vergessen werde ich wohl den riesigen Bogen Briefpapier – größer als DIN A4 – , auf dem links ein ca. fünf Zentimeter breiter Rand markiert wurde. Das nicht linierte Papier erhielt oben links die Adresse, oben rechts das Datum, darunter eine Art Betreff. Im Anschluß daran kamen ein paar Zeilen, mit denen ich unterwürfig um Aufnahme in das bischöfliche Knabenseminar bitten mußte. Ungeübt, wie ich mit Federhalter und Tinte war, waren Tintenkleckse nicht zu vermeiden, sodass erst der dritte oder vierte Versuch einigermaßen gelang.

Es kam der Sommer, in dem das Getreide wie immer mit dem Selbstbinder, gezogen von Pferden oder Kühen, geschnitten, von der ganzen Familie zu Haufen (wegen des Trocknens) zusammengestellt und schließlich in die Scheunen zum Dreschen eingefahren wurde.

Selbstbinder

Jeder wußte, dass das Schuljahr in Bayern immer Anfang September beginnt. Also richtete meine Mutter Unterwäsche, Strümpfe, Hosen, Hemden und Schuhe für den 1. September her, als plötzlich ein Schreiben aus Würzburg eintraf, in dem der Schulbeginn für mich auf den 23. September verschoben wurde. Wie ich später erfuhr, lag es daran, dass man für Anfang September im zerbombten Würzburg noch kein Klassenzimmer für die neue Klasse zur Verfügung stellen konnte.

Es war also am 22. September 1947, an dem ein kleiner Junge von 11 Jahren aus Theilheim in Begleitung seines Vaters, bepackt mit einem schäbigen Koffer und einer Pappschachtel, erst mit Pferdefuhrwerk nach Waigolshausen und dann mit der Dampflokomotive gen Würzburg fuhr. Ich ahnte damals nicht, dass dies eigentlich der Abschied vom heimatlichen Dorfe war, das ich für den Rest meines Lebens nur noch in den Ferien oder später im Urlaub besuchen sollte.

Wie mein Vater an jenem Septembertag 1947 den Weg vom Hauptbahnhof Würzburg zum Vinzentinum in der Schiestlstraße 19 in Grombühl fand, weiß ich nicht. Vermutlich sagte uns jemand, wir sollten die Straßenbahnlinie Nr.1 nehmen, in Grombühl am Wagnerplatz aussteigen und dann den Weg hinauf zur Schiestlstraße suchen. In der Schiestlstraße angekommen sahen wir in einiger Entfernung Weinberge und vor uns einen langgestreckten roten Backsteinbau ohne Dach und leeren Fensteröffnungen. Wir liefen diesem zerbombten Bau entlang und sahen am Ende einen Teil mit Blech überdacht: Das war Schiestlstr.19, das Vinzentinum. Hier hatte das Kilianeum, das zerbombt in der Ottostraße neben dem Hofgarten lag, wie sich herausstellte, Räume angemietet für ganze drei Klassen: für eine 8.Klasse, die sich nach Hitlerjugend und Arbeitsdienst am Westwall aufs Abitur vorbereitete, einer 2. Klasse, die anscheinend schon ein Jahr in diesem Bau verbracht hatte, und uns Erstklässler.

Dort landete ich zunächst im 2. Stock in einem Schlafsaal mit 36 Doppelstockbetten, also insgesamt 72 Betten für die Schüler der ersten und zweiten Klasse. Hinter den Betten, an der rückwärtigen Wand, waren schmale, hölzerne Militärspinde montiert, in denen jeder Schüler seine Kleider und sonstigen Habseligkeiten unterzubringen hatte. Neben dem Eingang führte links in einiger Entfernung eine Tür in einen Waschraum mit ca. 25 Waschbecken, also eines für jeweils drei Kinder. Wie sich später herausstellen sollte, waren diese Waschbecken im Winter, mangels Heizung, am Morgen immer leicht mit Eis überzogen.

Im ersten Stock fand sich dann ein Raum mit alten Tischen und Stühlen, in fünf oder sechs Reihen angeordnet, mit einer Tafel an der Frontseite. Dies sollte für ein ganzes Schuljahr unser „Klassenzimmer“, unser „Studiersaal“ und unser Aufenthaltsraum werden. Wir gingen nämlich nicht in die Schule – sowohl das Alte Gymnasium am Ende der Neubaustraße wie auch das Neue Gymnasium am Rennweger Ring lag in Trümmern –, sondern die Herren Professoren, zwei ältere Männer, die man aus ihrer Pensionierung zurückgeholt hatte, da viele junge Lehrer im Krieg gefallen waren oder erst entnazifiziert werden mußten, kamen zu uns und unterrichteten uns in unserem „Studiersaal“.

Im Erdgeschoß gab es neben einer provisorisch eingerichteten Kapelle – der Blasebalg zur Orgel wurde jeweils von einem Schüler getreten – noch einen Saal, der als Speisesaal diente. Für mich als begeisterten Fußballer war das einzig Interessante an der ganzen Anlage ein mittelgroßer, sandiger Fußballplatz, neben dem hinten links das Haus des Hausmeisters stand. Der Hausmeister hatte einen Laufburschen, der Schneider hieß. Dieser Schneider stammte aus Wipfeld und sollte dort später der reiche und einflußreiche Elektro Schneider werden.

Geleitet wurde das „Knabenseminar“, wie es offiziell hieß, von einem unnahbaren und Autorität heischenden Geistlichen, Dr. Dr. Schneyer, und den zwei jungen Kaplänen Schilling und Hörnig, die hier fünf Jahre als Präfekten Dienst leisten mußten, bevor ihnen eine Pfarrei zugewiesen wurde. Für das leibliche Wohl sorgten Nonnen aus dem Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in Würzburg.

Der Alltag vom Aufstehen bis zum Schlafengehen war genau reglementiert:

6:15 Uhr ein Klingelzeichen zum Aufstehen – 6:30 Messe – 7:15 Frühstück – 8:00 Unterrichtsbeginn – 13:00 Mittagessen – 14:00 bis 15:30 Uhr Studierzeit – 15:30 „tea Time“ und anschließend Freizeit bis 17:00 Uhr – 17:00 bis 19:00 Uhr Studierzeit – 19:00 Uhr Abendessen, anschließend „Lesezeit“ – 20:45 Uhr Gemeinsames Abendgebet in der Kapelle und ab 21:00 Uhr Bettruhe.

Es war Nachkriegszeit, in der es wenig zu kaufen gab und dies meist auch nur auf „Bezugsschein“. Das Kilianeum besaß in der Ottostraße und in der Nähe des Südbahnhofs zwei größere Gärten, die Gemüse lieferten; Kartoffeln sammelte man auf den Dörfern und lagerte sie im Keller ein. Die Verköstigung war ausreichend, aber entsprechend eintönig. So gab es z.B. donnerstags immer Kartoffelsalat mit „Panzerplatten“, wie wir sie nannten, d.h. ein hartes Fleischpflanzerl, dessen Verzehr wohl auch an einem Karfreitag keine Sünde gewesen wäre, da der Fleischgehalt neben Brot- und Kartoffelzusatz gegen Null ging. – Kartoffelklöse, meist leicht verkocht, mit brauner Soße und etwas Schweinefleisch waren indess eine Delikatesse, bei der Schüler um die Wette aßen, so dass es immer wieder vorkam, dass ein Erstklässler nach einem Rekord von 10 bis 12 Klösen wegen Atemnöte erst einmal in der Krankenstube landete.

Die Winter waren damals noch sehr streng, was dazu führte, dass wir im Februar/März 1948 süße, weil im Keller gefrorene Pellkartoffel aßen. Zum Kaffee-Frühstück – eine Malzkaffeebrühe – wie auch zum Lindenblütentee am Nachmittag, beides ohne Zucker, wurden nur Schwarzbrotscheiben gereicht. Hatte man nicht von zuhause etwas Marmelade, Butter oder eine Wurst, so mußte man sich eben mit trockenem Brot begnügen.

Unsere Klasse zählte 33 Schüler, von denen neun Jahre später nur noch neun zum Abitur antreten konnten; alle anderen 24 waren im Lauf der Jahre durchgefallen. Die Sitzordnung erfolgte nach dem Alter. So konnte ich sofort feststellen, dass ich der Neuntjüngste war. Was mir erst später im Unterricht klar wurde, war, dass die 24 älteren Schüler nicht aus der 4. wie ich, sondern aus der 5. und 6. Klasse der Volksschule kamen.

Als der alte Professor Schütz, der im Hause ein Zimmer hatte und nur zum Wochenende zu seiner Frau nach Hause fuhr, mit dem Unterricht in Latein begann – die Fächer Deutsch und Erdkunde nutzte er weitgehend für lateinische Grammatik, Musik und Sport fielen mangels Geräte und Räume aus –, stellte ich zu meinem Erstaunen fest, dass einige schon Vorkenntnisse in Latein hatten. Sie hatten vermutlich von ihrem Dorfpfarrer ein paar Lateinstunden erhalten und glänzten damit im Unterricht. Der alte Professor schien zu meinem Schrecken deshalb zu glauben, er könne auf ausführliche Erklärungen verzichten. Für mich jedoch, der aus der Volksschule nur Haupt-, Wie- und Tunwörter kannte, waren Begriffe wie Substantiv, Subjekt, Objekt, Nominativ, Genetiv etc., Adjektiv und Adverb sowie Verbum, Präsens, Perfekt, Indikativ, Konjunktiv, Aktiv, Passiv etc. zuächst völlig verwirrend. Als der Professor bei der Analyse des ersten lateinischen Satztes „ Agricola amat reginam“ diese Begriffe benutzte, musste ich deshalb höllisch aufpassen. Erschwerend kam noch hinzu, dass wir alles sorfältig von der Tafel in ein Vokabelheftchen und ein Textheft übertragen mussten, da es für Latein keine Lehrbücher gab. Man konnte also „zuhause“ auch nie etwas nachlesen oder korrigieren.

Für das Fach Mathematik kam der alte Professor Troll am Montag für zwei Stunden aus der Stadt. Diese „Tante Troll“, wie er von den Schülern der Oberstufe genannt wurde, machte die Mathematikstunden zu einer Terrorveranstaltung. Er erklärte eine Sache kurz, schrieb dann sofort eine entprechende Aufgabe an die Tafel – Rechenbücher gab es übrigens auch nicht – und forderte sodann den ersten Schüler links in der vordersten Reihe auf, zu sagen, was nun zu tun sei. Dieser mußte beginnen mit „Das ganze ist ein Aggregat“. Und schon ertönte des Professors Stimme „der Nächste, bitte“ und der zweite musste fortfahren „ein Aggregat wird berechnet indem man“; aber erst der dritte mußte diesen Satz richtig beenden. So lief die Abfrage bis zum letzten in der hintersten Reihe, bevor sie wieder mit dem ersten in der ersten Reihe neu ansetzte. Man sah also schon die nächste Frage auf sich zukommen und hoffte nur, dass es eine leichte werde wie „das nächste Zeichen ist Plus oder Minus“.

Ich habe ein solches Procedere später in meinem ganzen Leben nur noch zweimal erlebt und zwar zehn Jahre später bei der mündlichen Führerscheinprüfung fürs Motorrad und zwölf Jahre später fürs Auto. Bei der Führerscheinprüfung waren es drei Durchgänge. Wußte jemand dabei die Antwort zweimal nicht, war er/sie durchgefallen.

Wußte man bei „Tante Troll“ die Anwort nicht und schwieg, kam er bedrohlich auf einen zu geschlurft, zerrte einen an den Haaren oder gab einem ein paar Schläge in den Nacken, bevor er kommandierte „der Nächste, bitte“. Dazu berichteten uns die 8-Klässler, die sich auf das Abitur vorbereiteten, Troll habe früher, als er noch jünger und kräftig war, auch mal einen Jungen an den Haaren ziehend auf einen Schrank hinauf gesetzt.

Ich war durch diese Vorgänge offensichtlich so eingeschüchtert, dass ich das Prinzip der Berechnung eines Aggregats mit äußeren und inneren Klammern gar nicht mitbekam und in der erste Matheschulaufgabe die Note 6 erhielt.

Als ich in den ersten Ferien an Allerheiligen zuhause davon berichtete – heute würden Eltern vermutlich einen Rechtsanwalt einschalten – , meinte meine Großmutter, ich solle doch einfach mal zum Lehrer Bogner von der Hauptschule hinüber ins Rathaus gehen – das Haus war damals gleichzeitig Lehrerwohnung – und mir Rat holen. Herr Bogner erklärte mir in einer halben Stunde das Geheimnis dieser Klammerrechnungen (Aggregate), ich fuhr nach Würzburg zurück und erhielt in der nächsten Mathe-Arbeit die Note 1.

Gleichwohl saß ich weiter jeweils am Montag von 8:00 bis 9:30 Uhr ängstlich in der Doppelstunde Mathematik, sah durchs Fenster die Mauern der zerbombten Häuser gegenüber sich im Winde bewegen und hoffte, sie würden an einem Montag kurz vor 8 Uhr eines Tages auf die Straße stürzen und die „Tante Troll“ unter sich begraben. Die Mauern stürzten im Frühjahr 1948 während eines Sturmes tatsächlich auf die Straße, aber es war leider nicht Montag und auch nicht kurz vor 8:00 Uhr in der Frühe.

Am Sonntag nach dem Mittagessen musste die ganze Klasse unter Führung eines Präfekten zwischen 13:30 und 16:30 Uhr zum Spaziergang in die Stadt oder in die naheliegenden Weiberge antreten. Diese Gepflogenheit, die sich über Jahre fortsetzen sollte, war von Anfang an verhasst. So oft sich die Gelegenheit bot, nutzte man deshalb einen Verwandtenbesuch, um sich von diesem Klassenspaziergang befreien zu lassen. Später, mit 14, 15 Jahren waren wir schlauer und „verliefen“ uns dabei einfach gruppenweise und gingen zu Sportveranstaltungen oder ins Kino.

Verwandtenbesuche waren bei mir sehr rar. Ohne Auto – niemand hatte damals ein solches – war Theilheim ( ca. 25 km) einfach zu weit weg . Meine Eltern kamen in späteren Jahren nur einmal im Schuljahr, meist am Faschingssonntag, wenn das Kilianeum zu einer Theateraufführung einlud, und meine Mutter die Gelegenheit nutzte, sich bei der Leitung des Hauses nach mir zu erkundigen. Meist klagte sie dabei, dass ich so schlecht ausssehe.

Da ich mich anfangs ziemlich alleine fühlte, erinnerte sich meine Großmutter an ihre einstmals beste Freundin, die Theilheimer Lehrerstochter Mathilde, die einen Schlosser Butz geheiratet hatte und zufällig unweit von der Schiestlstraße in der Matterstockstraße wohnte. Großmutter bat sie, einmal nach dem Jungen in der Schiestlstraße zu schauen und, falls möglich, ihn auch mal am Sonntag nachmittag einzuladen.

So kam es, dass ich mich in der Adventszeit 1947 an zwei, drei Sonntagen vom Klassenspaziergang (schriftlich) befreien lassen konnte und den Nachmittag bei den Butzens verbrachte. Einer der beiden Söhne, die wohl um die 30 waren, spielte mit mir dann in der Küche mit einer Märklin-Eisenbahn, deren Dampflock mit Spiritus um die Tischplatte dampfte und mich sehr beeindruckte. Einmal gingen wir auch spazieren und kamen an dem Haus vorbei, an dem eine Inschrift an Professor Wilhelm Röntgen erinnerte, der in diesem Haus die Röntgenstrahlen entdeckt hatte. Ich fragte, was dieser dabei „erfunden“ habe, und der junge Butz erkärte mir den Unterschied zwischen „erfinden“ und „entdecken“. Jahrzehnte später stieß ich im Bayerischen Kultusministerium auf einen handgeschriebenen Brief dieses Professor Röntgen, der sich wegen Korrekturen irgend eines Staatsexamens an die Behörde gewandt hatte. Eingedenk meines Spaziergangs mit Herrn Butz 1947 kopierte ich diesen Brief und habe ihn sicher noch heute irgendwo in meinen Unterlagen .

Um sich für die Gastfreundschaft der Butzens zu revanchieren, lud meine Großmutter ihre Freundin Mathilde, die auch um die 60 war, zu Weihnachten nach Theilheim ein. Für Frau Butz, in deren Küche damals Schmalhans Küchenmeister war – mir wurde dort nie etwas zum Essen oder Trinken angeboten –, war dies eine Gelegenheit, sich bei dem Bauern in Theilheim den ersehnten zusätzlichen Proviant zu beschaffen. Für mich war es ein Glücksfall, in der dunklen Weihnachtszeit nicht allein mit der Bahn zu fahren, aber vor allem nicht allein in der Nacht von Waigolshausen nach Theilheim laufen zu müssen.

Tatsächlich erreichten wir Waigolshausen erst, als die Sonne schon untergegangen war. Nach dem Marsch vom Bahnhof durch die endlos lange und nur schwach erleuchtete Dorfstraße fanden wir uns mit Koffer und Pappschachtel auf der stockdunklen, verschneiten Landstraße nach Theilheim. Auf der Waigolhäuser Höhe, wo die Straße eine kleine Biegung nach links macht, hatte der Wind den Schnee so sehr verweht, dass wir die Krümmung nicht erkannten und mit Sack und Pack in einem Acker landeten, aus dem wir uns mühsam auf die Straße zurück arbeiteten.

Frau Mathilde Butz wurde nach den Feiertagen mit einem Koffer voll Wurst, Fleisch und Schmalz an die Bahn in Waigolshausen zurückgebracht, und ich verbrachte die 14 Tage lesend oder mit meinen Geschwistern oder bei Oskar, Oma, Tante Adelheid und Tante Lidwina, froh endlich wieder zuhause zu sein. Den Kontakt zu meinen ehemaligen Schul- und Fußballkameraden suchte ich schon nicht mehr.

Mit Frühjahrsbeginn konnten wir in der Schiestlstraße endlich raus und Fußball spielen. Der Fußballplatz wurde auf die anwesenden Klassen aufgeteilt, so dass wir offiziell höchstens zweimal in der Woche dran waren und dann auch einen richtigen Lederball erhielten. Deshalb spielten wir ansonsten täglich, nach der Schule bis zum Mittagessen und zwischen 4 und 5 Uhr, auf der Einfahrt zwischen Haus und Fußballplatz mit Tennisbällen. Einmal versuchten wir`s auch mit einem Rugby-Ball – die amerikanische Besatzung hatte nur solche Bälle zum Verschenken -, aber das funktionierte einfach nicht.

Bald hatten die Schüler aus der Abiturklasse erkannt, dass der schmächtige Kleine aus der ersten Klasse toll mit dem Ball umging. So kam es, dass ich jedes Mal, wenn die „Großen“ für zwei Mannschaften zu wenig Leute waren, den Ruf hörte: He , du, Fußballer, komm rein und spiel mit“. Ich glaube, sie haben meinen Namen nie gekannt, aber ich genoss es, als 11jähriger mich auch manchmal gegen 17-/18jährige durchzusetzen.

Als bei einer dieser Kämpfe mal meine Schuhsohle abging, verriet mir einer der „Großen“, dass in dem verfallenen Backsteinbau „weiter vorne“ ein Schuster hause. Ich suchte die Behausung in der Ruine und fand dort einen liebenswürdigen alten Mann mit Bart, den Schuster Graf, bei der Arbeit. Er nagelte mir die Schuhsohle kostenlos wieder an, und ich besuchte ihn später öfter, nur um mit ihm zu plaudern.

Wenn der Fußballplatz anderen gehörte, aber nicht genutzt wurde, spielten wir mit einem Tennisball „Treibball“. Die Klasse teilte sich dabei in zwei Hälften, die gegen einander spielten. Der Wahlgewinner warf als erster den Ball in Richtung des gegnerischen Tors. Jeder auf der Gegenseite konnte den Ball dabei aus der Luft in Richtung unseres Tores boxen. Waren wir dadurch ins eigene Tor zurückgedrängt, verteidigten unser Tor erfolgreich oder auch nicht, galt es sodann möglichst schnell zum gegnerischen Tor vorzustoßen. Da gab man den Ball dann meist an den Bätz, der, obwohl einer der Kleinen und Schmächtigen, als einziger in der Lage war, den Ball fast bis an das gegnerische Tor zu werfen.

Die endlosen Wochen zwischen Dreikönig – Ende der Weihnachtsferien – bis eine Woche vor Karfreitag – Beginn der Osterferien – waren eine fürchterlich lange Zeit. Unterricht am Morgen sowie Studierzeit nachmittags und am Vorabend ließen sehr wenig Möglichkeiten zur Selbsbeschäftigung. Für mich ging es in der Freizeit immer um Fußball und ich frage mich heute , was eigentlich die anderen, die sich nicht sportlich betätigten, in dieser Zeit gemacht haben. Vermutlich saßen sie wieder oben im Studiersaal – es gab ja sonst nichts – unterhielten sich und lasen Bücher.

Sicher fühlte so mancher dabei eine gewisse Leere, und die Gedanken gingen nach Hause zu Eltern, Geschwister und Freunde – Gedanken und Gefühle, die mir meist erst in der Stille des Abends oder manchmal nachts kamen. Der Gedanke, dass die Geschwister und ehemaligen Schulkameraden in Theilheim frei in den Tag hinein leben konnten, machte eher traurig. Aber ich sah keine wirkliche Alternative: Einerseits hatte mich Landwirtschaft nie besonders interessiert, andererseits war die Möglichkeit des Studiums ein Privileg, und ich hatte den Ehrgeiz, daraus etwas zu machen.

Eine Abwechslung bot sich, sobald es in den Gemüsegärten des Kilianeums in der Stadt etwas zu holen gab. Wir fuhren dann mit einem Handwagen – Ladefläche ca. 2 x3,50 m, ohne Geländer – zur Ottostraße. Vorne saß ein Schüler, der die Deichsel mit den Füßen steuerte und wohl auch eine Handbremse bediente, hinten schoben 3, 4 Mann an und hängten sich im rasenden Lauf noch auf die Ladefläche. So rasten wir von der Schiestlstraße hinunter zum Wagnerplatz, von da über die Grombühlbrücke in die Ludwigstraße – der Berliner Ring existierte noch nicht – von der Ludwigstraße in die Theaterstraße, vorbei am Residenzplatz über die „Schwarze Promenade“ zur Ottostraße. Ein Auto kam uns dabei nie in die Quere; denn es gab nur weinige Autobesitzer und die hatten wohl kein Benzin.

Besuch von zuhause hatte ich im ersten Schuljahr nie. Meine Mutter schrieb mir regelmäßig Briefe – sie war die einzige, die mir Briefe schrieb – mit vielen Ermahnungen. Im März 1948 erhielt ich so die Nachricht, dass meine Großtante Adelheid, die immer für uns Kinder da war und mir auf dem Weg ins Kilianeum sehr geholfen hatte, am 1. März an einem eitrigen Zahn hat sterben müssen. Unser Nachbar, Dr. Surek aus Breslau, hatte ihr in der Küche bei Tante Berta einen Zahn gezogen, wobei es vielleicht nicht sehr steril zuging. Da Antibiotika damals nur die Amerikaner hatten, musste sie im Krankenhaus in Werneck unter fürchterlichen Schmerzen sterben. Es tat mir sehr leid, dass ich ihr nicht wenigstens einmal einen Brief geschrieben hatte.

So wartete ich auf die Osterferien, dann auf die Pfingstferien und schließlich auf die langen Sommerferien und träumte von den goldenen Getreidefeldern, den Rübenäckern und Maisfeldern, auf denen ich zusammen mit meiner Familie die nächsten Wochen verbringen würde.

Mit dem noch von Ochsen oder Pferden gezogenen „Selbstbinder“ – vorher wurden die Garben per Hand in Strohseile gebunden, Traktoren gab es erst ab den 50er Jahren – mähten wir im Juli Weizen, Gerste, Roggen und Hafer. Stundenlang wurden dann die Garben zum Trocknen zu „Haufen“ zusammengestellt. Das Schönste war dabei dann immer die Pause in der oft glühenden Hitze, in der man gemeinsam Brotzeit machte.

Garben zu Haufen

Sobald die Ähren getrocknet waren, begann die Einfuhr in die Scheune. Ich hatte dabei die leichteste Arbeit: Ich führte die Kühe, Ochsen, Pferde, viel später den Traktor, während mein Vater und Albin die Garben auf den Wagen gabelten, auf dem Alois oder manchmal auch Albin eine meterhohe Fuhre „bauten“, die in der Scheune wieder abgeladen werden mußte. Dort stand dann Vater, Albin oder Alois auf der Fuhre und ich mußte die hochgegabelten Garben links oder recht in die Scheunenviertel werfen, wo meine Mutter und Lidwina jede einzelne Garbe so plazierten, dass möglichst viele untergebracht werden konnten. Gegen Ende – das war in der Regel in den Tagen vor Maria Himmelfahrt – mußte dafür noch ein zweiter „Hochgabler“ oben in der Scheune stehen, damit die letzten Garben bis unters Dach bugsiert werden konnten.

Ich sah so jeden Tag, wie sich die Scheune langsam bis unters Dach füllte, und wartete auf die „Dreschmaschine“, jenen riesigen Kasten, der von einer schwarzen, kohlebeheizten Dampfmaschine angetrieben wurde. Am Tag der Dreschmaschine kamen früh um 5 Uhr ein Dutzend Leute aus dem Dorf, frühstückten in der großen Stube mit Butter, Käse und Schinken, bis die rasende Dampfmaschine sie mit Pfiffen zur Arbeit rief. Das erinnerte mich an die Zeit, in der wir Kinder noch „Maschinenbrote“ sammelten.

Nach Maria Himmelfahrt bis Ende August, wann die Kartoffel- und später die Rübenernte begann, war es für mich eine ruhige Zeit, und ich konnte bei Oskar und Großmutter sitzen oder die Jagd- und Bergromane von Ganghofer oder die Bauernromane von Ludwig Thoma lesen.

Ich fühlte mich zuhause und mehr brauchte es nicht: keinen Badeurlaub an einem See, schon gar nicht am Gardasee oder auf Mallorca, so wenig wie Skifahren oder Skihütte in den Weihnachtsferien – ich war einfach daheim.

Für eine erste Auslandsreise sollte es noch acht Jahre dauern, bis ich dann 1956 mit einem Lastzug des Schäfners Hans, dem sogenannten „Butterhannes“ bis Rotterdam fahren konnte, von dort per Anhalter nach Ostende kam, das Boot nach Dover nahm, nach Londen “trampte“ und mich dort wie auch in Shakespears Stratford on Avon mit meinem sehr dünnen Portemonnaie – meine Eltern und Großmutter hatten mir zum bestandem Abitur ca. 180 DM geschenkt – 14 Tage von Jugendherberge zu Jugendherberge durchschlug.

Willi Bätz – den langen Namen „Willibald“ habe ich ein Leben lang gehasst –

im Jahre 2026

79 Jahre nach dem Übertritt aufs Gymnasium,

70 Jahre nach dem Abitur am Alten Gymnasium, heute Riemenschneider Gymnasium, in Würzburg,

nach dem Studium in Würzburg und Lyon,

nach einer Lehrtätigkeit in Paris und London,

nach 34 Jahre Tätigkeit im Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus

und 25 Jahren Pensionistenzeit mit vielen Reisen zum Schwarzen Meer und um das Mittelmeer