Es war Sommer. Amerikanische und britische Truppen, die sog Allierten, waren im Juni in der Normandie gelandet und hatten im August bereits Paris befreit. Die deutschen Armeen im Osten hatten seit Stalingrad im Winter 42/43 aufgehört zu siegen und waren vor der Übermacht russischer Divisionen nur noch auf dem Rückzug. Deutsche Städte wurden rund um die Uhr bombardiert, und von der einst groß angekündigten Luftabwehr war außer ein paar Flak =Flugabwehrkanonen nichts mehr geblieben.
In Schweinfurt arbeiteten die Fabriken trotz des täglichen Flieger-Alarms weiter. Deutsche Männer – mit Ausnahme der UK-Gestellten, d. h. der „Unabkömmlichen“ – waren irgendwo an der Front, und die Produktion konnte nur noch durch ein Heer von Kriegsgefangenen und vor allem aus dem Osten verschleppten Frauen aufrecht erhalten werden.
Bei Luftangriffen flohen die ansonsten kasernierten Arbeitssklaven in die umliegenden Dörfer.
So geschah es, dass nach einem Luftangriff auf Schweinfurt – es war wohl Ende August – ein gutes Dutzend dieser ausländischen „Fabrikarbeiter“ in Theilheim auftauchten. In ihrer Angst vor den Bomben hatten sie die gut 10 km vom „Sachs“ in Schweinfurt bis Theilheim zu Fuß zurückgelegt.
Da die Geflüchteten von der Gemeindeverwaltung jeweils vorübergehend auf die Bauern im Dorf verteilt wurden, landete eines Tages ein russisches Mädchen von vielleicht 17 Jahren auf dem Bauernhof Hausnr 96, heute Taubenbrunnen 6, wo eine Mutter mit vier Kindern von 11, 9, 7 und 5 Jahren allein ohne Mann – selbiger diente dem Vaterland bei der Flak in Sennfeld – versuchte, die Arbeit in Kuhstall, Schweinestall und auf den Äckern irgendwie zu bewältigen.
Das blutjunge Mädchen war gut gewachsen und kräftig und ihr gelb-blondes Haar war zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr bis auf die Hüften reichte. Meine Mutter war froh, jemanden für den Haushalt und die kleineren Kinder zu haben; die älteren fuhren bereits mit aufs Feld .
Wir Jüngeren schlossen das Mädchen mit den wunderschönen Haaren, das wir zwar nicht verstanden, das aber lachte und fleißig putzte und kochte, sofort ins Herz. Das einzige, das man herausbekommen konnte, war dass sie beim Sachs in Schweinfurt arbeitete und „Wally“, vermutlich Valentina, hieß. Sie ging meiner Mutter im Haus wie auch im Kuh- und Schweinestall zur Hand und hoffte offensichtlich, einen Platz gefunden zu haben, wo man sie freundlich behandelte und wo sie vielleicht die Gräuel des Krieges überleben könnte.
Meine Mutter ging deshalb nach zwei, drei Tagen zum Bürgermeister und bat darum, das Mädchen als Hilfe für die Kinder und in der Landwirtschaft behalten zu dürfen.
Ob der Bürgermeister ein überzeugter Nazi war oder nur ein Opportunist, der sich aus Angst vor den anderen Nazigrößen im Dorf vor der Frau keine Blöße geben wollte – jedenfalls war er jeden Sonntag in der Kirche und verkündete anschließend auf der Kirchentreppe die neuesten Anordnungen des Gauleiters –, lässt sich heute nicht mehr klären. Er entblödete sich jedenfalls nicht, die Bitte der Frau mit der Erklärung abzulehnen: „Das geht nicht; für den Endsieg muss jeder Opfer bringen.“
Die Wally wurde weinend mit den anderen Kriegsgefangenen nach Schweinfurt zurückgebracht. Nach ein paar Tagen, bei einem der nächsten Luftangriffe, tauchte sie wieder auf und wurde erneut zurückgekarrt. Das wiederholte sich sogar ein drittes Mal.
Meine Mutter bat daraufhin den Zollers Karl, der als Elektriker beim Sachs als UK arbeitete, wiederholt, für die Wally ein Stück Brot mitzunehmen. Ob sie es jemals bekommen hat, war nicht zu erfahren. Die Bombardierungen von Schweinfurt gingen weiter, aber die Wally kam nicht mehr, auch nicht bei Kriegsende im Mai 1945. Dies lässt vermuten, dass das schöne Russenmädchen irgendwann in den Schweinfurter Bombennächten ums Leben gekommen ist.
W.B., 76 Jahre danach
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