Am Kriegsende 1945: Aufstieg und Fall des Dr. Gall

Die Gasse hinter dem Kindergarten führt auch heute noch fast ausschließlich an Scheunen, Stallungen und Hallen vorbei zum Schwanfelder Berg. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts stand jedoch genau an der Stelle, wo sich heute das Lager der Firma Neder befindet ein unscheinbares Häuschen mit kleinem Hof und gegenüber liegenden Ziegenstall (damalige Haus-Nr. 51), das Ende der 50er Jahre abgerissen wurde. Dort lebte die jüdische Familie Leibele, nach der der Weg im Volksmund „Leibelesgasse“ hieß.

Wie alle Theilheimer Juden wurden auch die „Leibeles“ irgendwann 1942 oder 1943 deportiert. Das Häuschen stand leer und begann zu verfallen, bis – wohl im letzten Kriegsjahr – dort eine fremde Familie einzog, die jeden Kontakt mit den Dorfbewohnern zu meiden schien. Deutliches Zeichen dafür war ein Wolfshund, dessen Kette über ein Seil lief, das von der entfernten Hausecke bis zum Torstein gespannt war, sodass sich niemand unangemeldet der Haustür nähern konnte.

Mit Kriegsende tauchte in diesem Häuschen ein Mann auf, der sich Dr. Gall nannte, im kleinen Ziegenstall quasi eine eigene Apotheke eingerichtet hatte und von den Dorfbewohnern in Krankheitsfällen zu Hilfe gerufen wurde; schließlich waren die bekannten Ärzte in Werneck – in Schwanfeld und Wipfeld gab es noch keinen Arzt – weit weg und litten überdies an Benzinmangel.

Ich sehe den Mann noch heute, wie er in dunklem Anzug mit einem schwarzen Köfferchen wiederholt bei uns zur Pforte hereinkam, um meine Schwester, die an Lungenentzündung litt, zu behandeln.

Als behandelnder Arzt schien er nun Kontakt mit der Dorfgemeinschaft zu pflegen. So kam es, dass er eines Tages in der Gastwirtschaft erzählte, er sei als Soldat nach seinem letzten Urlaub nicht mehr zu seiner Truppe zurückgekehrt, sondern habe das Ende des Krieges in einem sorgfältig abgedeckten Loch unter dem Küchentisch abgewartet.

Nun ergab es sich, dass Ende 1946 oder Anfang 1947 immer wieder Gänse, die sich damals frei auf den Dorfstraßen bewegen konnten, abends nicht mehr in den Hof ihrer Eigentümer zurückkehrten. Man rätselte lange, wo diese Gänse abgeblieben sein könnten, bis eines Tages jemand beobachtete, wie eine ganze Schar davon im Hof des Doktors verschwand.

Die zur Hilfe gerufene Polizei sprach beim Doktor vor, ließ sich das Versteck unter dem Küchentisch zeigen und fand darin einige bereits gerupfte Gänse an einem Seil aufgereiht.

Der Anzeige wegen Diebstahl folgte rasch die Anzeige wegen Betrug und Urkundenfälschung. Es stellte sich heraus, dass der Herr Gall gar kein Doktor war, sondern als Sanitäter im Militärdienst sich einige medizinische Kenntnisse angeeignet hatte, die er im Durcheinander der ersten Nachkriegsjahre geschickt zu verwerten wusste. – So unauffällig wie diese Familie ins Dorf gekommen war, so schnell verschwand sie daraufhin auch wieder spurlos.

W.B. im Mai 2020

One Reply to “Am Kriegsende 1945: Aufstieg und Fall des Dr. Gall”

  1. Suche Informationen zur Familie Klein aus Teilheim. Diese wurde 1942 deportiert, da Sie Juden waren. Vornamen waren: Siegfried, Rosa und Hanna Klein. Es waren auch die Eltern von Siegfried Klein noch wohnhaft in Teilheim bis zur Deportation.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert